Am 7. Februar 2018 haben die Klassen 9c, 9d und 9e eine Exkursion ins Konzentrationslager Dachau unternommen. Ein Bericht über Erinnerung, Verantwortung und Zukunft.

 

KZ Dachau – Zeitenwende für das Gedenken

Wie wollen wir als Gesellschaft in Zukunft mit den Verbrechen der NS-Zeit und dem Gedenken an die vielen Opfer umgehen? Die Frage nach Schuld ist für heutige Jugendliche nicht relevant – zurecht! Die Frage nach Verantwortung ist dafür umso drängender. Wie können wir eine Gesellschaft mitgestalten, in der es keinen Platz für Ausgrenzung, blinden Hass und Inhumanität gibt? Die ernüchternde Realität ist, dass wir damit schon bald auf uns alleine gestellt sein werden. Kaum noch gibt es Zeitzeugen der Jahre 1933-1945, kaum noch ein Schüler hat lebende Verwandtschaft, die diese Jahre bewusst miterlebt hat. Der Autor dieser Zeilen kann sich noch an die jährlichen Besuche von Holocaust-Überlebenden an seiner eigenen damaligen Schule erinnern. Heute bleiben nur noch Dokumentarfilme, Schriftzeugnisse, mündliche Überlieferungen. Und Orte wie Dachau.

Ein Februarmorgen. Trübes Licht. Triste Gebäudefassaden, die diffuse Schatten werfen. Das Thermometer zeigt deutliche Minusgerade an. Die jungen Menschen, Schülerinnen und Schüler der Klassen 9c, 9d und 9e, stehen eng beisammen auf einem fußballfeldgroßen Platz, dem ehemaligen Appellplatz, und hören einer Erzählung zu, die so bedrückend ist, dass man für ein paar Momente die Kälte ausblenden kann. Der ein oder andere ertappt sich bei der Frage: „Wie kann ich mich über kaltes Wetter beklagen, wenn die Häftlinge damals in nicht wintergerechter Kleidung bei Minusgeraden körperliche Schwerstarbeit verrichten mussten?“ Es mag makaber klingen, aber das widrige Wetter hilft, zu verstehen, durch was für eine Hölle zigtausende unschuldige Frauen, Männer und auch Jugendliche gehen mussten, die aus Sicht der Nazi-Schergen eine Gefahr für Staat und Volk darstellten.

Wir haben uns auf diese Exkursion vorbereitet, haben die ideologischen Grundlagen des Nationalsozialismus erforscht und nachzuvollziehen versucht, wie und weshalb diese Ideologie viele deutsche Bürger nicht nur ausgrenzte, sondern verfolgte, jagte und ermordete. Die Vorbereitung hilft freilich wenig, wenn man als Vierzehnjährige/r vor einem Krematorium steht oder in einer kargen und düsteren Zelle, in der bis zu zehn Häftlinge nebeneinander standen, weil zum Sitzen oder gar Liegen nicht genug Platz vorhanden war.

Unserer Museumspädagogin gelingt es, den sowieso schon intensiven Eindrücken bei der Begehung des Geländes noch viele hilfreiche Informationen zur Seite zu stellen. Die hauptberufliche Juristin hat schon weit über hundert Schulklassen durch Baracken, Haftzellen, den Museumsteil und auch durch die – in Dachau nie genutzten – Gaskammern begleitet, trotzdem beantwortet sie jede Frage und hilft einzuordnen, was eigentlich gar nicht mehr zu verstehen oder zu begreifen ist. Die Frage nach dem ‚warum‘ indes möchte kaum ein Schüler stellen. Vielleicht, weil er weiß, dass es darauf keine eindeutige Antwort gibt. Vielleicht aber auch, weil die Frage letztendlich nur verzweifeln lässt.

Dienstagmorgen, Raum U1. Geschichtsunterricht. Geplanter Unterricht trifft auf reichlich Redebedarf. Volle neunzig Minuten lang unterhalten sich Schüler und Lehrer über das in Dachau Erlebte. Solche Stunden sind selten, vielleicht zu selten?! Die ‚warum‘-Frage taucht zwangsläufig wieder auf. Es wird deutlich, wie sehr das Thema die jungen Menschen beschäftigt. Der Lehrer spürt unwillkürlich eine Art Erleichterung; Dachau hat sich also „gelohnt“. Doch ist es damit getan? Und tut man diesem Ort und seinen Opfern nicht Unrecht, wenn ein Besuch nur „Mittel zum Zweck“ ist, um so etwas wie historisches Bewusstsein und individuelle und gesellschaftliche Verantwortung für Frieden und Mitmenschlichkeit zu erzeugen? Andererseits: schaffen wir es als Gesellschaft überhaupt, ohne Mahnmale, ohne die vielzitierten ‚Lehren aus der Vergangenheit‘ unsere Zukunft zu gestalten?

Es wird darauf ankommen, wie wir in Zukunft mit diesem Thema umgehen. Dokumentarfilme und Quellensammlungen werden wir uns auch in fünfzig Jahren noch anschauen können. Die Gedenkstätte Dachau wird fortbestehen. Das kollektive Gedächtnis und die daraus wachsende Verantwortung auch?

An dieser Stelle recht herzlichen Dank an unsere zwei jungen Lehrkräfte Frau Sauter und Herrn Stützel, die die Exkursion gemeinsam vorbereitet hatten, sowie an Herrn Zloch, Herrn Heinemann und Herrn Klecina, die den Ausflug ebenfalls begleiteten.

Jan Zillikens