Auf Ötzis Spuren: Über die Alpen nach Meran

Wir steigen aus dem Zug, schultern unsere Rucksäcke und atmen tief ein. Von hier aus also zu Fuß!

Zum Warmlaufen dient der einzige flache Abschnitt unserer Wanderung, er führt vom Oberstdorfer Bahnhof in die Spielmannsau, an den Fuß der Alpen. Dann beginnt für fünfzehn Schülerinnen und Schüler, zwei Lehrer und unsere gute Seele Anne der erste Anstieg unserer Studienfahrt. Im nicht allzu anspruchsvollen Gelände steigen wir zur Kemptener Hütte auf, gehindert nur von einem Gebirgsbach, der unsere Ausrüstung mit sich in die Tiefe reißen will (es aber – natürlich – nicht schafft) und einem Berggeist, der einigen Auserwählten von uns in Form eines Steinbocks erscheint.  Um 15.25 Uhr überschreiten wir erstmals auf unserer Reise die Schneegrenze, erreichen unser Ziel aber dennoch im Sonnenschein, so dass wir vor beeindruckender Bergkulisse unsere verdiente Erfrischung auf der Terrasse zu uns nehmen können. Dann beginnt das, was im Laufe der Woche unsere allabendliche Hüttenroutine werden wird.

  1. Quartier beziehen: Im Matratzenlager richten wir uns auf den einfachen, aber gemütlichen Pritschen häuslich ein, ungeachtet der unterschiedlichen Temperatur und des variablen Geruchs, die eine solche Bettstatt mit sich bringt.
  2. Duschlotterie: Wie viele Duschen bietet die Herberge, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Wassertemperatur zweistellig ist und wie lange ist jeder Einzelne bereit, dafür anzustehen.
  3. Hüttenschmaus: Ob a la Card oder gleiches Menü für alle, jeden Abend stärkt uns eine typische Mahlzeit aus der Region unseren Körper und unsere Seele. Schnitzel, Kaiserschmarrn oder Hackbraten, die Portionen sind groß und (mit ganz wenigen Ausnahmen) sehr lecker.
  4. Rudelbildung: Werwölfe spuken durch die mondbeschienenen Alpen und behelligen unbescholtene Bewohner einsamer Bergdörfer. Im Zuge dessen fallen im Laufe der Woche zahlreiche Bürger dem wütenden Lynchmob zum Opfer, der auf seiner Jagd nach den Ungetümen schon mal vorschnell richtet.
  5. Hüttenruhe: 22 Uhr, Licht aus, schlafen!

Spätestens um halb acht am nächsten Morgen erscheinen wir gespornt und gestriegelt zum Frühstück. Nie sind wir die ersten im Speiseraum und nur selten die letzten, doch stets bereit und befähigt, die Herausforderung des nächsten Tages in Angriff zu nehmen.

Natürlich bedarf es zahlreicher Faktoren, die zusammenkommen müssen, damit aus einer ohnehin schon ungewöhnlichen Unternehmung ein unvergessliches Erlebnis wird. Unsere Studienfahrt steht unter einem sehr guten Stern, denn beispielsweise hat Herr Zillikens die Route so akribisch geplant, dass wir uns kein (!) einziges Mal verlaufen oder gar vom rechten Weg abkommen. Unsere alpenerfahrene und unermüdliche Begleiterin Anne hilft in den wenigen kritischen Situationen, indem sie einen zweiten Rucksack schultert oder die weniger Trittsicheren von uns gefahrlos die steilsten Passagen hinauf- oder hinabführt. Auch bleiben wir während der gesamten Woche vor Verletzung und Krankheit verschont. Schlimmeres als wunde Füße oder leichter Schnupfen sucht uns nicht heim, und dagegen finden wir in Herrn Meisls Reiseapotheke garantiert das richtige Mittelchen. Und zu guter Letzt bleibt das Wetter uns gewogen. Zwar weht morgens beim Aufbruch der Wind um die bemützten Köpfe, doch wir legen den Großteil der Strecke bei schönem, oftmals sonnigem Wetter zurück. So können wir das atemberaubende Panorama genießen, das die schneebedeckten Gipfel und die zerklüfteten Hänge bieten. Auch beim technisch anspruchsvollsten Teilstück, dem Anstieg von der Braunschweiger Hütte zur Inneren Schwarzen Schneid in über 3000 Metern Höhe im Söldener Skigebiet, lacht die Sonne über uns, bläst der Wind die Wolkenfetzen auseinander und knirscht der Schnee kalt, aber griffig unter unseren Füßen. Bietet sich die Gelegenheit innezuhalten und sich umzublicken, erstreckt sich dort das Pitztal mit seinen glitzernden Gletschern und schroffen Hängen.

Doch der Anblick der Gletscher, oder genauer gesagt, der Anblick dessen, was von den Gletschern übriggeblieben ist, ruft in einigen von uns Traurigkeit hervor. Die ehemals stolzen Eisriesen bestehen häufig nur noch aus einem jämmerlichen Klümpchen Eis, dessen vollständiges Schmelzen nur noch eine Frage weniger Jahre ist.

Wir überqueren den Alpenhauptkamm nicht auf der üblichen Route des Europäischen Wanderweges E5, sondern über den Similaunpass. Dafür erklimmen wir das Dach der Tour in 3019 Metern üNN, verzichten aber auf den Besuch der Ötzi-Fundstelle. Stattdessen beginnen wir den spektakulärsten, letzten und längsten Abstieg unserer Reise nach Italien, ins Schnalstal.

Ein wenig fremd erscheint der Rummel in Meran dann schon, nachdem wir uns in der Jugendherberge einquartiert haben und in dem schönen Städtchen auf Erkundungstour gehen. Doch natürlich lassen wir uns auch nicht von ein bisschen Zivilisation abschrecken und beenden die Studienfahrt standesgemäß mit der schönsten Nebensache der Welt, einem gemeinsamen Abendessen in einer leckeren Pizzeria.