Eine Lateinexkursion?! Wohin, ins Museum? Bitte nicht! So könnte man reagieren. Oder auch nicht. Denn Folgendes ist der Fall: Römische Zeitgeschichte. Jetzt. Hier ums Eck.
Ein Besuch im Archäologischen Park Cambodunum.

Vor zweitausend Jahren kamen sie hierher, romanisierte Kelten, Germanen und Römer. Sie trafen sich, um die Götter anzurufen und über die Geschicke Rätiens zu beraten. Wo sie hinkamen?
Nach Kempten.

Wir allerdings, die Lateinschüler der Klassen 8c, d und e, stehen vor einem kleinen, quadratischen und ziemlich schlichten Gebäude im Römerpark ,,Cambodunum‘‘. Denn in eben diesem Gebäude sollen die Gesandten zusammen gebetet und die Götter angerufen haben. Es ist allerdings schwierig, sich vorzustellen, wie hier Priester und Pilger das Heiligtum umrundet haben und ihre rhythmischen Gesänge bis in die Unterwelt drangen. Wir jedenfalls gehen trotzdem erst mal rein, vielleicht erscheint uns ja auch irgendwas.
Und tatsächlich! Im Inneren heißt uns Florus willkommen. Zuerst auf Latein und dann resignierend auf Deutsch. Florus ist ehemaliger Priester und seit zweitausend Jahren in Rente. Er erzählt uns von seinem Job damals und führt uns dabei, in alter Tradition, einmal im Kreis um Herkules‘ Heiligtum.
Wir können Schnitzereien und Keulen bewundern, die ihm geopfert wurden, nachdem die Pilger sie im antiken Shop erworben oder selbst mitgebracht hatten. Den Shop gibt’s übrigens auch noch und man kann sogar römische Speisen drin kaufen, aber das nur am Rande.

Wir folgen dem zwar nicht römischen, aber dennoch auf Latein verfassten Beispiel ,,ora et labora‘‘ und machen uns nach dem Rundgang durch den Tempel an die Arbeit. Schließlich sind wir nicht (nur) zum Vergnügen hergekommen und sollen etwas mitnehmen.
Es gilt, eine Inschrift zu finden und zu übersetzen, was nicht schwierig ist, in so einem Tempelbezirk stehen ja genug rum. Des Weiteren gucken wir uns die Infotafeln über römische Werkzeuge und das Geld an und was es bedeutet, die Provinzhauptstadt von Rätien zu sein.

Aber was ist Cambodunum überhaupt? Erstmals erwähnt wurde die Stadt als KAMBODOUNON vom griechischen Reisenden Strabon um das Jahr 0. Damit ist Kempten die älteste, schriftlich bezeugte Stadt Deutschlands. Der Name stammt aus dem keltischen und bedeutet so viel wie Burg an der Flussbiegung, denn die Iller (lat. Hilara) macht etwas weiter oberhalb eine Schleife. Da der Name erst ins Griechische übernommen, dann latinisiert und schließlich eingedeutscht wurde, ist natürlich fragwürdig, wie viel überhaupt noch übrig geblieben ist. Nichtsdestotrotz ist nicht zu bestreiten, dass Cambodunum eine Vorzeigekarriere hingelegt, aber später von Augsburg als Hauptstadt Rätiens abgelöst wurde. Und es ist immer noch erstaunlich viel von Cambodunum übrig ist.

Wir verlassen den Tempelbezirk und spazieren übers Forum zu den Resten der Basilika, einer Art antiken Mischung aus Versammlungsgebäude und Shopping-Mall, und betrachten so ihren nun gut zu sehenden Grundriss. Wie in einer Kirche finden sich hier ein Haupt- und zwei Seitenschiffe sowie ein Chor. Vielleicht wurden die Provinzratssitzungen hier drin abgehalten, wenn es mal regnete. Überhaupt mussten ein paar Anpassungen vorgenommen werden, als die römische Kultur nach Kempten importiert wurde. So hat zum Beispiel der Tempel, in Italien nur von Säulen geschützt, hier eine dicke Mauer gegen Wind und Wetter.

Nun haben wir den Tempelbezirk besichtigt, die Basilika und das Forum. Dann haben wir ja so grob alles. Den Göttern sei Dank haben wir das nicht Florus erzählt! Denn eine anständige römische Siedlung kam nicht ohne einen wichtigen Teil aus: Die Thermen. In Cambodunum gibt es die kleinen und die großen Thermen. Die kleinen sind aber weit besser erhalten, weswegen wir diese besichtigen.
Nun muss man wissen: eine antike Therme ist nicht mit einer heutigen zu vergleichen. Entspannen in ruhiger Atmosphäre? Nada. In den Thermen war es höllisch laut. Denn hier kam man nicht bloß ,,ab und zu zum Baden‘‘ hin. Thermenbesuche nahmen einen zentralen Platz im Leben eines jeden Römers ein und waren auch meistens kostenlos. Hier traf man sich, wie heute auf dem Sportplatz oder in der Innenstadt und tatsächlich gab es in vielen Thermen wie in Freibädern auch die Möglichkeit, sich sportlich zu betätigen. Und, wie gesagt, die Shopping-Mall war gleich um die Ecke. Bevor man durch die Tavernen zog, traf man sich hier und um ein Geschäft zu machen, zog man sich tatsächlich zum Verhandeln auf die Toilette zurück. Wie viele Verwendung der locus tatsächlich fand, zeigen zahlreiche Funde, die Archäologen ,,im Abfluss‘‘ machten, da dieser nur selten geleert wurde. Zusammen mit den natürlichen Hinterlassenschaften zogen auch zum Beispiel Würfel oder Schlüssel die Rinne hinab. Tatsächlich scheinen Begriffe wie ,,ein Geschäft machen‘‘, ,,Lokus‘‘ oder ,,Hinterlassenschaft‘‘ von den Römern geprägt worden zu sein. Vieles hat sich bis heute verändert, manches ist aber auch gleich geblieben. Schlüssel werden immer noch auf dem Klo verloren und erfreuen vielleicht einmal Archäologen der Zukunft.

Und da sich heute zwar nicht mehr Kelten, Römer und Germanen, aber immer noch verschiedene Kulturen treffen, kann man Kempten eines nicht absprechen: Es ist ein Ort der Begegnung.

                                                                                                                                     Niko Hönig, 8e