Gedanken zur Schulschließung

10. Mai 2020

Es klingelt zum Ende der fünften Stunde. Und dann ist die Schule aus.

Wir schreiben Montag, den 16. März, fünf Minuten nach 12. Es dauert nicht lange, und die Schule ist leer. Ein paar Lehrer kopieren noch Materialien, informieren sich über Zoom oder führen letzte persönliche Gespräche. Dann gehen auch sie nach Hause.

Die Zeit, die nun beginnt hat viele Namen: Coronaferien, Ausgangssperre, Schulschließung oder prophylaktische Quarantäne. Wie lange sie dauern wird, ist beim Schreiben dieses Textes noch nicht bekannt. Genauso wenig wie niemand weiß, wie Schule funktioniert, wenn man sich nicht treffen darf. Unterricht, Klassenarbeiten, Abiturprüfungen, Versetzungen, Zeugnisse, Sommerferien. Keiner kann vorhersagen, ob es das in diesem Schuljahr geben wird. Und wenn ja, wann und wie das alles stattfinden soll.

Alle müssen sich nun umstellen. Die Lehrer richten sich darauf ein, Unterricht digital aufzubereiten. Egal ob Wochenplan mit Lösungen oder digitale Lernumgebung, auf der die Schülerinnen ihre Lösungen einreichen können, der Aufwand ist enorm – und bürokratisch: Wer hat bis wann welche Aufgaben erledigt, welche Mailadressen stimmen noch immer nicht, brauchen die Kinder eine Entschuldigung, wenn sie krank sind…

Und dann die Vielfalt der Plattformen: Edmo(n)do, Moodle, Zoom oder Google-Classroom, Simple-Club, selbstgemachte Lernvideos, Kreismedienzentrum oder Landesbildungsserver. Die Auswahl ist groß, und überall gibt es was zu motzen. Schade eigentlich, dass das Land Baden-Württemberg vor ziemlich genau zwei Jahren die Schulcloud „Ella“ wegen gravierender technischer Schwierigkeiten gecancelt hat. Trotzdem ist die Lernkurve bei den Lehrern ziemlich steil. Was drei Wochen selbstgebastelte Digitalisierung im Bildungswesen alles möglich macht!

Die Kinder freuen sich – Großteils – über die Schulschließung. Allerdings nicht allzu lange. Denn die Freunde fehlen an allen Ecken und Enden. Und auch der Arbeitsumfang ist nicht wirklich kleiner geworden. Konnte man sich während der Mathestunde mal eine Auszeit gönnen und die Aufgaben gemütlich von der Tafel (oder dem Nebensitzer) abschreiben, muss man sich jetzt alles selbst erarbeiten. In Textarbeit. Am Schreibtisch. Während Papa nebenan im Homeoffice sitzt. So stellt man sich die Zeit, in der man sich auf die Osterferien freut, nicht vor!

Die Eltern übrigens auch nicht. Schlecht gelaunte Kinder, in der Zwickmühle von Langeweile und Lagerkoller. Da hilft es auch nicht, dass Mama und Papa täglich alle Plattformen abklappern müssen, auf denen Aufgaben lauern könnten. Den Spam-Ordner kontrollieren. Abgabetermine einhalten. Deklinationen, Volumeneinheiten, if-clauses und das Paarungsverhalten der Bachforelle erklären. Und alles bei drei Kindern in drei Jahrgangsstufen an zwei Schulen. Eine Familie wie ein Logistikunternehmen.

Zwei Monate sind seither vergangen und die ersten vorsichtigen Schritte in Richtung „Normalzustand“ sind getätigt worden, auch wenn es eine andere Form der Normalität ist. Hygienemaßnahmen, Absperrungen, Abstandsregeln und Maskenempfehlung – ist dies der neue Alltag? Wir werden es sehen.

Bis dahin begrüßen wir jedoch unsere zurückgekehrten Schüler der Kursstufe mit freudigen Augen, einem Lächeln hinter Masken und vielen bunten, selbstgemalten „Willkommenssteinen“ und hoffen auch die restlichen Schüler bald wieder in der Schule begrüßen zu dürfen.

(Martin Meisl)