Keine Fäden mehr (Filmrezension Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer)

27. Nov 2018

Die Produzenten hatten sich alle Mühe gegeben mit diesem Film. Unzählige Förderinstanzen waren an Land gezogen worden und um Regisseur Dennis Gansel (,,Die Welle‘‘) waren die absoluten Urgesteine des deutschen Filmschauspiels zusammengetreten für die wahrscheinlich aufwändigste und sicherlich teuerste deutsche Produktion dieses Jahres, deren englischer Titel (,,Jim Button and Luke the Engine Driver“) mich immer wieder zum Lachen bringt:

,,Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer‘‘

Um zuerst einmal etwas Grundlegendes zu sagen: Einerseits ist Michael Endes Geschichte ein fast schon legendäres Buch, dessen schlichter Zauber im Film darzustellen eine große Herausforderung ist. Darüber hinaus gibt es bereits eine fast schon legendäre Adaption der Augsburger Puppenkiste, der das auf anrührende Weise gelungen ist. Man könnte sagen: anspruchsvolle, aber normale Umstände für ein Remake, schließlich wird ein solches meistens in Auftrag gegeben, wenn Buchvorlage und erste Adaptionen bereits gut waren.

Dieser Film jedenfalls zollte der Puppenkistenversion Tribut, um nicht zu sagen er hielt sich in Sachen Kostüme, Erzählweise und sogar Dialog relativ eng an diese Version. Und das war meiner Meinung nach eine gute Entscheidung.
Als sich zu Beginn des Films (zum Prolog komme ich noch) die Kamera über Lummerland herabsenkte, erblickte ich (mit freudiger Überraschung) alles so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Annette Frier (Frau Waas) , Uwe Ochsenknecht (König Alfons der Viertelvorzwölfte, bei dessen erster Szene in seinem Büro etwas zu übertrieben eine Uhr eingeblendet wurde, die Viertel vor Zwölf zeigt), Christoph Maria Herbst (Herr Ärmel) und Henning Baum (Lukas), wobei Letzterer seinen Lukas mit beeindruckend viel Gutmütigkeit füllt und auch ab und zu ein wenig von der Hemdsärmeligkeit des recht einfach gestrickten Lukas durchblicken lässt, so wie auch Ende seiner Geschichte solche Dinge feinfühlig beigemischt hat. Lukas biegt übrigens in einer Szene ganz beiläufig eine massive Metallstange zu einem U — das ist ein schöner subtiler Querverweis!
Wo wir gerade von Ärmeln gesprochen haben: Für meinen Geschmack verkommt der gute Herr Ärmel zu sehr zur Witzfigur, wo doch gerade er — von Ende als obrigkeitstreuer, klassischer Bürger angelegt — eine besonders interessante Figur ist. Sein intellektueller Hintergrund zum Bespiel fällt weg, der — gerade in Hinblick auf den zweiten Band — recht wichtig für das Charakterbild ist.
Als er seine Wäsche Frau Waas zum Bügeln gibt, werden seine Gefühle für sie angedeutet, doch sie wirkt nicht sonderlich berührt. Und man kann nicht sagen, Anette Frier würde mit Emotionen sparen. Am Anfang hatte ich den Eindruck, sie überlade ihre Rolle damit, doch im Verlauf des Films wird das zu einer zu Frau Waas passenden Charaktereigenschaft und es gelingt Frier, das Wichtigste auszudrücken: Frau Waas‘ Liebe zu Jim, besonders schön zu sehen bei ihrem Wiedersehen am Ende.

Jim. Auf die alteingesessenen Lummerland-Bewohner trifft dieser neue Junge, der erst seinen Platz finden muss. Das lässt sich natürlich problemlos auf die Ebene der Schauspieler übertragen. Solomon Gordon spielt seine erste große Rolle und er macht es ziemlich gut. Nicht nur hat er einen sehr jimtypischen Gesichtsausdruck drauf, sondern drückt das Verlangen aus, noch ein bisschen mehr kennen zu lernen als Lummerland, sodass er, als er sich zwischen „bei Frau Waas bleiben“ und dem Abenteuer mit Lukas entscheiden muss, beschließt, Lummerland zu verlassen.
Gerade diese Szene des Abschieds von Frau Waas ist seine beste im ganzen Film. Man hat solcherlei schon so oft gesehen, und dennoch schafft er es den Zuschauer zu berühren – einfach, weil es so echt ist. Er blickt auf die schlafende Frau Waas und man ist dabei, wie er von Liebe und Wehmut überflutet wird. Keine Leinwand, kein Schauspieler, einfach Jim in höchster Vollendung.

Die beiden betreten also nach einer mäßig mitreißenden Action-Sequenz auf dem Meer die Hauptstadt Mandalas. Dort lernt man Kindeskinder und die Andersartigkeit Mandalas kennen. Doch obwohl die Szene sicherlich nicht billig war, gefiel mir dieselbe Szene in der Puppenkistenversion viel besser. Neben den teuren Kindeskindern steht im Hintergrund ein ganzes mandalanisches Volk an Komparsen herum (die auch extrem teuer sind, wie Dennis Gansel im Videotagebuch zur ,,Welle‘‘ bemerkte), die aber nichts tun. In der Puppenkistenversion haben die wenigstens Angst vor der schnaubenden Dampflok oder machen zumindest was!!! Und da sind wir gleich beim richtigen Thema. Über weite Strecken hat man das Gefühl, die hatten einfach zu viel Geld und haben es dann wahllos für Schnickschnack ausgegeben. Was ich damit meine? Den Prolog. Eine komplett unnötige, animierte Sequenz darüber, wie Baby-Jim (überhaupt: zwei unterschiedlich alte Baby-Jims?!) von der Wilden 13 gefunden wird, die zwar später häufig erwähnt wird, aber nie wieder auftaucht. Noch wirkt der ganze Prolog wie eine Fluch-der-Karibik-Karikatur und der Oberpirat läuft so langsam und so dramatisch, dass jeder normal denkende Mensch ihn eingewiesen hätte!

Wie auch immer. Lukas und Jim futtern auf den Palasttreppen Ungeziefer, das ihnen der nette Ping-Pong gebracht hat, nachdem die — gut gelungene —Torwache sie abgewiesen hat. Dann provozieren sie ihn, bis sie zu Pi Pa Po eskortiert werden, Lukas verprügelt die Wachen (nette Szene), sie werden von Ping-Pong gerettet und vergleichen mit dem schweigenden Kaiser ihre Hilferufflaschenposten von Li Si, die sich warum zum Teufel auch immer ergänzen und machen sich auf nach Kummerland.
Hier fühlt man sich bedauerlicherweise durch die Kulissen gezerrt, die Fahrt durchs Tal der Dämmerung war in der Puppenkistenversion viel besser (ein Armutszeugnis für einen so reichen Film) und auch in der Wüste hat man ein bisschen das Gefühl, die beiden nehmen die Sache nicht so richtig ernst. In der Szene, als Jim in den Kessel taucht, spielt Baum Lukas Schwanken, Jim als Freund oder Kind zu sehen, recht gut und auch die ,,einen Menschen nicht nach Vorurteilen oder dem ersten Eindruck zu beurteilen‘‘-Botschaft beim Auftauchen Tur Turs ist stark (wenn auch beides für meinen Geschmack noch ein wenig zu subtil). Aber überschattet wird das meiner Meinung nach von dessen Erscheinungsbild. Es ist einfach zu realistisch. Natürlich ist nach lebenslanger Isolation und Verzweiflung in der Wüste ein labil und psychopathisch aussehender Tur Tur plausibler als der gepflegte Scheinriese aus der Puppenkistenversion, aber ich will das nicht sehen!! Auf jeden Fall sollte ein so langer Film die unkomplizierte Story durch kluge Details bereichern, aber doch nicht so!
Die Fahrt durch den Mund des Todes betont die tatsächliche Gefahr mehr und das ist eine gute Bereicherung. Sie erhält ein wenig mehr vom Flair des Tauchgangs im zweiten Band. Sich der Situation ergeben oder um sein Überleben kämpfen. Jim und Lukas absolvieren auch das und gelangen schließlich ans Ziel ihrer Reise, wo sie Nepumuk treffen. Die Puppe war süßer. Und muss wirklich immer Bully Herbig diese Rollen machen? Sie helfen ihm, tanken auf und verkleiden Emma als Reindrachin. Der hier thematisierte Drachenrassismus ist eine wichtige der vielen Botschaften des Buches und auch hier hätte der Film die Möglichkeit gehabt, das weiter auszuführen.
Dennis Gansels guter Wille lässt sich (wie in der ,,Welle‘‘) an vielen Stellen erkennen, aber in letzter Konsequenz wurde wenig Packendes, zum Nachdenken Anregendes eingefügt; die Diskussion zwischen Li Si und Frau Mahlzahn in der Drachenschule über die Krone der Schöpfung zum Beispiel ist ein tolles hinzugefügtes Detail, das aber noch mehr Potential gehabt hätte. Gerade wenn Frau Mahlzahn über das Leben der Drachen mit den Menschen erzählte, gewann der Film ungemein.
Sie überwältigen und verpacken Frau Mahlzahn (an die wunderbare Puppe kommt die Animation natürlich lange nicht heran) zusammen mit den anderen Kindern (aus diversen Kulturen, sogar ein Bayer) und fliehen nach Mandala, wo sich die Drachin bedankt, besiegt worden zu sein, ohne getötet worden zu sein, eine Stelle, die mich immer berührt und daran erinnert, was für ein wunderbares Werk Michael Ende geschaffen hat.

Jim entscheidet sich, seine einzige Frage an die wegdämmernde Frau Mahlzahn dafür zu verwenden, herauszufinden, wie alle auf Lummerland bleiben können. Er lässt seine Vergangenheit zurück und akzeptiert seine neue Familie. Li Si will ihren Retter direkt heiraten und die Älteren raten ihr ab— ungewöhnlich, aber witzig. Zu viel Romantik kommt es zwischen den beiden dann nicht, aber man merkt, dass sie sich beide mögen, was auch eine gute Endsituation ist, gerade für einen zweiten Teil, der entweder angekündigt oder erzwungen werden soll, als Jim am Ende schnörkellos Lukas fragt: ,,Werden wir noch ein weiteres Abenteuer erleben?‘‘ Na — da müsst ihr wohl euren Produzenten fragen!